Wochenklänge

„Oops! … I did it again”

Britney Spears, 2000

Wer mich kennt und meine Wochenklänge regelmäßig verfolgt, wird sich heute vielleicht etwas über die Song-Auswahl wundern. Denn die US-Popsängerin Britney Spears gehört zwar so überhaupt nicht zu meiner bevorzugten musikalischen Gattung. Aber dieser Titel ist heute geradezu prädestiniert für unseren wöchentlichen Rück- und Ausblick auf das Geschehen am Finanzmarkt.

„Umstritten, aber erfolgreich“
„Oops! ... I did it again“ – im Jahr 2000 veröffentlichte die damals 19-jährige Britney Spears ihr zweites Album unter dem gleichnamigen Titel. Bereits ihr Debutalbum „…Baby one more time“ war kommerziell ein riesiger Erfolg. Bis heute hat sie über 100 Millionen Platten verkauft, dennoch geriet die Popsängerin nie richtig aus den negativen Schlagzeilen. Das Magazin „Rolling Stone“ nannte sie „eine der umstrittensten und erfolgreichsten Sängerinnen des 21. Jahrhunderts“. Mit dem Erfolg kamen auch die Probleme: übermäßiger Alkohol- und Drogenkonsum führte zu einem zeitweiligen Sorgerechtsentzug und zur Zwangseinweisung in eine Suchtklinik. Seit 2008 hat ihr Vater die Vormundschaft, die er nun aus gesundheitlichen Gründen abgegeben hat. Anschließende Plattenveröffentlichungen waren zwar auch erfolgreich, konnten aber nicht an den Erfolg ihrer ersten Werke anknüpfen.

„Oops! ... I did it again“
Er hat es wieder getan. Mario Draghi, scheidender Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), kann in den Refrain von Britney Spears mit einstimmen. Auf der Ratssitzung in der vergangenen Woche wurde der Einlagenzinssatz zwar wie erwartet weiter gesenkt – von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent. Um die Banken zu entlasten, die diesen Strafzins auf ihre bei der EZB geparkte Liquidität zahlen müssen, wurde jedoch ein Freibetrag eingeführt. Banken der Eurozone sparen so rund zwei Milliarden Euro. Überraschend hingegen wurde die Wiederaufnahme des Anleiheankaufprogramms, das im Dezember 2018 ausgelaufen ist, beschlossen. Ab November kauft die EZB wieder im Umfang von 20 Milliarden Euro monatlich Anleihen am Markt auf. Gerade diese Maßnahme ist höchst umstritten. Zwar veröffentlicht die EZB, anders als die amerikanische Federal Reserve (FED), kein Abstimmungsverhalten, man hört allerdings aus dem Umfeld, dass knapp die Hälfte der 25 Ratsmitglieder dagegen gestimmt hätten. Kritik kommt unter anderem von den Chefs der Notenbanken der Niederlande, Frankreichs, Österreich – und von der Deutschen Bundesbank. Aber auch führende Ökonomen zweifeln die Wirksamkeit dieser Maßnahmen an. Das zeigt auch das letzte Kaufprogramm, das im März 2015 gestartet wurde. Seitdem kaufte die EZB Anleihen im Wert von knapp 2.400 Milliarden Euro auf. Ihre Bilanzsumme erreichte damit einen Wert von knapp 40 Prozent der Wirtschaftsleistung der Eurozone. Damit war die EZB deutlich expansiver als die amerikanische FED, deren Bilanzsumme auf dem Höhepunkt der amerikanischen Anleihekäufe nur 25 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung betrug.

„…got lost in this game”
Und was hat die EZB damit erreicht? Das Ziel, die Inflation dauerhaft in Richtung zwei Prozent zu bringen, jedenfalls nicht. Zwar lag die Teuerungsrate in der Eurozone im Herbst letzten Jahres mal knapp darüber. Grund dafür waren allerdings die zuvor deutlich gestiegenen Energiepreise. Rechnet man diese heraus, lag die sogenannte „Kerninflationsrate“ in den vergangenen vier Jahren wie festgezurrt bei rund einem Prozent. Die EZB macht dafür auch die europäische Fiskalpolitik als Mitschuldigen aus. Sie wird nicht müde, die jeweiligen Regierungen – vor allem die deutsche Bundesregierung – zu einer expansiveren Fiskalpolitik zu ermuntern. Heißt: Schulden machen, um die Konjunktur anzukurbeln. Zweifel an der Wirkung der aktuellen Maßnahmen konnte man auch an der Marktentwicklung ablesen: Anders als noch in den Vorjahren konnten die Anleihemärkte davon nicht profitieren. Im Gegenteil, die Renditen europäischer Staatsanleihen sind sogar deutlich gestiegen. Problematisch dürfte es dann werden, wenn die Wirtschaft der Eurozone wirklich ins Trudeln gerät, denn die EZB hat ihr Pulver vollends verschossen und hat keine Pfeile mehr im Köcher. Spätestens dann sind die europäischen Regierungen gefordert, durch staatliche Ausgaben und fiskalische Maßnahmen einen Wirtschaftsabschwung abzufedern.

Fazit:
Die Zuversicht in die Wirksamkeit der Geldpolitik der EZB schwindet. Auch wenn die designierte Nachfolgerin von Mario Draghi, Christine Lagarde, den expansiven geldpolitischen Weg weiter gehen wird, die Kritik wird lauter. Das konnte man am Abstimmungsergebnis der letzten Woche ablesen. Gut möglich, dass zukünftig der Rat der EZB anders entscheidet als die Führung es wünscht. Fakt ist allerdings auch, dass das Niedrigzinsniveau noch einige Jahre anhalten wird. Es ist derzeit nicht absehbar, dass die liquiditätsabhängigen Investoren in den nächsten Jahren in eine Entzugsklinik eingewiesen werden. Anleger müssen also weiterhin den Spagat zwischen Risiko und Rendite wagen.

16. September 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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